Tor der Woche

Bildung: Gute Lösungen ergeben sich durch Suchbewegungen in alle Richtungen

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Die pädagogische Forschung und deren Umsetzung in KiTas und Krippen entwickelte sich in den letzten Jahren stark in die Richtung, die Einteilung und Beschäftigung der Kinder nicht mehr in den (bisher obligatorischen) Gruppen vorzunehmen, Es wurden offene Räume geschaffen, gruppenunabhängige Stationen für Spiel und frühkindliche Bildung (was ja Hand in Hand geht) und die starren Gruppenzusammenhänge weitgehend verflüssigt, bzw. für weite Teile des Tages aufgelöst.

 

Bei meinen  Besuchen in KiTas ist mir in letzter Zeit häufiger vermittelt worden, dass beobachtet wurde, dass diese Herangehensweise vor allem bei Kindern aus sozial instabilen Verhältnissen, bei traumatisierten Flüchtlingskindern aber auch bei vielen anderen Kindern große Ängste und Nöte hervorgerufen hat. Kinder mit  Mangel an häuslichen stabilen sozialen Bindungen (und das sind in der heutigen Zeit unglaublich viele) haben negativ auf diese Maßnahmen reagiert. Ihre Entwicklung stockte oder ging trotz urspünglich vielversprechender Ansätze wieder rückwärts. Als Konsequenz haben einige KiTas probeweise die festen Gruppenzusammnhänge für 2-3 Wochentage wieder eingeführt. Andere sind ganz zum Prinzip fester Gruppenstrukturen zurückgekehrt oder haben diese nie verlassen.

 

Ist irgendetwas daran ein 'roll-back' oder der Verrat an fortschrittlichen pädagogischen Verhältnissen? Nein, denn die Motivation ist einzig und allein der Erkenntnis geschuldet, dass das tatsächliche Wohlbefinden, die tatsächlichen Entwicklungswege, die tatsächliche Förderung einer positiven Entwicklung vor allem derjenigen Kinder, die unsere Unterstützung am allernötigsten haben, bei allen pädagogischen Prinzipien und Methoden im Vordergrund stehen müssen.

 

Auf die Schule übertragen heißt dies: als festes Fundament progressiver und moderner Methodik und Didaktik des Schulunterrichtes sind die pädagogischen Reformen, die in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ihren Anfang nahmen, unverzichtbar. Sie haben Licht in die größtenteils verdunkelten Verhältnisse an deutschen Schulen gebracht und sind unumkehrbar. Aber auch diese Prinzipien und Methoden müssen in ihrer Anwendung - wie in dem KiTa-Beispiel - ständig hinterfragt und weiterentwickelt werden. Es ist noch nicht so lange her, dass wir zwar sozial marginalisierte Gruppen, neu zugewanderte Flüchtlinge und Arbeitsmigranten hatten, die aber im Unterschied zu heute auf noch (halbwegs) intakte soziale Strukturen in unseren Schulen trafen. Dies ist heute in etlichen Fällen nicht mehr der Fall. Wie kann Spracherwerb unter den Bedingungen kollektiver Sprachlosigkeit funktionieren? Wie sieht es mit Unterstützungssystemen und Bindungen aus. Welche Rolle spielen dabei LehrerInnen und SozialpädagogInnen? In der täglichen Arbeit mit diesen SchülerInnen (an manchen Grundschulen über 80% der Kinder, insgesamt über 50% aller Kinder) stellen sich diese Fragen täglich und es werden Suchbewegungen in Gang gesetzt, die manchmal auch bewährte Antworten auf den Kopf stellen. An dieser Praxis sollten sich Bildungspolitik, Bildungsverwaltung, Wissenschaft und Lehreraus- und Fortbildung orientieren und sich mit ihren Möglichkeiten an der Suche nach Antworten beteiligen.

 

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