Tor der Woche

AfD, Trump, Johnson, Farage: Elitäre Politik glattgebügelter Presseerklärungen ohne politische Identifizierungsangebote macht die autoritäre Rechte populär

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"Spätestens seit dem Brexit spricht vieles dafür, dass die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Eliten ihre Haltung zum Volk überdenken müssen." (G. di Lorenzo, Die Zeit, 28/Juni2016)

 

Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz“ (E. Raether, zeit.online, 18.08.16).

 

„Jedes brisante Problem wird bis zur Unkenntlichkeit in Einzelteile zerlegt, am liebsten in Formalien, wie gerade beim Brexit, der von ihr [A. Merkel] überwiegend inhaltslos als Abwicklung des britischen Austritts aus der EU verhandelt wird. Der dramatische Vorgang war Merkel keine große Rede wert, die das Weltereignis in politische Zusammenhänge gestellt und den Brexit begreifbar gemacht hätte, im Sinne von greifbar. Für den Bürger erfahrbar, diskutierbar, gestaltbar." (F.A. Meyer, Cicero 8/2016)

 

Vollständig losgelöste und abgehobene Insider-Politik mit Ergebnis politischer Totalstillstand (Kongress USA), Degeneration von sozialistischer und konservativer Politik kleiner Sonnenkönige mit der Ausstrahlung einer gedimmten Taschenlampe (das Frankreich von Sarkozy und Hollande), ein sich gegenseitig bekämpfendes und uninspiriertes „remain-Lager“ im UK und eine große Koalition in Deutschland, die aufgesetzte politische Scheingefechte (Gabriel) austrägt und von einer Kanzlerin angeführt wird, die die „Dekonstruktion des Politischen“ und die „asymetrische De-Mobilisierung“ als größte Erfolge politischer Kultur feiert.

 

Bisher wurde das Gelangweiltsein, das Angewidertsein, die Verachtung bis hin zum tiefsitzenden Hass auf „die da oben“, auf „die Politik“ staatstragend geregelt, in dem die Abgehängten, die Zu-Kurz-Gekommenen, die, auf die „die Politik“ so gut verzichten konnte, einfach nicht wählen gegangen sind. Eine praktische Lösung, da die durch Wahlenthaltung Abgelehnten ohne Schmerzen einen gewissen Anteil an der Hälfte der Wahlberechtigten als großen Sieg ausgeben konnten. Die andere Hälfte hatte durch Stimmenthaltung aufgehört zu existieren. Auch Grüne Wahlerfolge haben in einer niedrigen Wahlbeteiligung eine arithmetische Grundlage (bzw., wenn die Wahlbeteiligung plötzlich ansteigt, wie in McPomm, auch die Ursache der Niederlage).

 

Kann es wirklich überraschen, dass es „nur“ halbwegs schauspielerisch begabter Volkstribune bedurfte, die verstanden haben, dass nicht inhaltliche Differenzen, sondern tiefsitzende Gefühle der Ohnmacht, der Unzulänglichkeit, des Nicht-Gebrauchtwerdens hinter der flächendeckenden Abwendung von etablierter Politik stehen? Nach Meinung der liberalen und sich selbst – andere damit ausschließend – demokratisch nennenden Eliten reden diese Volkstribune inkompetenten und inkohärenten Unsinn. Glaube keiner, dass die Trumps, Johnsons und Gaulands das nicht wüssten. Es ist gerade das Erfolgsgeheimnis (echt oder vorgeblich) genauso inkohärent, genauso ahnungslos, genauso emotionsgetrieben zu sein (oder zu wirken) wie die zu mobilisierende Zielgruppe. Manch einer in der AfD hat auch durchschaut, dass auch die Gabriels und Merkels dieser Welt die tiefe Kenntnis vieler Komplexitäten, vieler Risiken und Nebenwirkungen ihrer eigenen Politik nur vorgaukeln. Nonchalant wird morgen das genaue Gegenteil von gestern behauptet, allerdings mit dem souveränen Gestus der Intellektuellen, der politisch-mit-allen-Wassern-Gewaschenen Politprofis.

 

Die Wahl der AfD, der Erfolg des Brexit, der Aufstieg der Trumps und Le Pens muss also endlich als das eingeordnet werden, was er ist: nicht die Einfügung einer rechten Programmatik in das bestehende System der politischen Kultur, sondern das Sprengen derselben mittels Mobilisierung des Hasses auf die Gebildeten, auf die Souveränen, die Liberalen und deren gefühlte und tatsächliche gesellschaftliche Definitionsmacht. E. Raether bringt es am Beispiel der USA auf den Punkt: „….es gibt noch eine andere Gruppe von Ausgegrenzten. Über sie, die den Fortschritt nicht so schnell begreifen, kann man auch in Zeiten der inklusiven Sprache alles Verächtliche sagen: über die Unsicheren, die Unbegabten, die Ängstlichen, über die weißen Männer. Ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse, ihre Ängste, ihre Biografien – alles ein Witz. Man kann sie „white trash“ nennen, oder Arbeiter, Arbeitslose, Ungelernte. In jedem Fall sind sie die Unbeliebten, weder weltgewandt noch selbstironisch. Sie sind die Gekränkten“ (zeit.online, 18.8.16).

 

Ist es ein Zufall, dass in Zeiten der politischen und medialen Herrschaft der linksliberalen Eliten, in Zeiten eines Präsidenten Obama, einer Flüchtlinge-willkomen-heißenden-CDU-Kanzlerin der Wahlaufstand der Gekränkten von Rechts kommt? Es gab auch Zeiten und Konstellationen, wo sich diese Art des Protestes Links formierte. Damit ist – nach einem durchaus beachtlichen Siegeszug linksliberalen Denkens und Handelns in den letzten Jahrzehnten - in naher Zukunft sicher nicht zu rechnen. Platter Anti-Faschismus, wie er noch gegen die NPD seine Berechtigung haben mag (allerdings auch selten die gewünschte Wirkung zeigt) hilft gegen dieses neue Phänomen genauso wenig wie Trump-Witze und Filmchen auf you-tube gegen die reale Chance des Donald auf die US-Präsidentschaft im November. Zeit für alle, die politisch denken und handeln, aufzuwachen.

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