Tor der Woche

Piraten - Taten?

(Kommentare: 0)

Noch in den 70er Jahren bestand die deutsche Politik aus drei Parteien. SPD und CDU regierten abwechselnd mit der kleineren FDP. Weimar und die Nazizeit noch in den Knochen waren die Deutschen nicht besonders Risikofreudig. "Keine Experimente" lautete der Wahlspruch nicht nur der CDU.

 

Seit der Gründung der Grünen, von den bestehenden Parteien mit Aggressionen und Häme begleitet, wurde das politische System offener und flexibler. Die Wende in die 90er aber hat dann erst ein den anderen europäischen Parteienlandschaften ähnlicheres System hervorgebracht. Die PDS im Osten und dann als Linke auch im Westen hat sich vorläufig in den Parlamenten festgesetzt. Und jetzt die Piraten, seit der Berlinwahl als "new kids on the block" gehypt, mit ihren zweistelligen Umfragewerten auch für die gesamte Republik.

 

Warum, so muss man diejenigen fragen, die über ein Eintagsfliegensyndrom unken, sollte es ihnen nicht gelingen, den Erfolg der Grünen zu wiederholen? Wer hat damals, 1979, auch nur einen Pfifferling darauf gegeben, dass diese zotteligen, politisch unerfahrenen und angeblich wirren Zeitgenossen 30 Jahre später ihre erste längere Regierungsperiode auf Bundesebene schon hinter sich haben würden und zur Zeit in fünf Landesregierungen und in 16 Länderparlamenten plus Bundetag und EU-Parlament vertreten sein würden? Auch die Argumentation, Atom und ökologische Zeitenwende seien epochale Themen gewesen, greift zu kurz. Auch die Digitalisierung der Welt ist ein solches Thema, wie die weltweite Anteilnahme am Tode von Steve Jobs gezeigt hat, die, wie ich finde, starke Anklänge an die Reaktion auf den Tod John F. Kennedy's zeigte.

 

Allerdings ist hier auch der Haken versteckt, an dem sich das politische Schicksal der Piraten entscheiden dürfte. Die Grünen haben mit großem Sachverstand und politischem Engagement die epochale Frage der Zerstörung der Umwelt durch Radioaktivität, durch Zersiedelung, durch Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden durch UV-Strahlung und Treibhauseffekt in (all-)tägliches politisches Handeln umgesetzt. Mit langem Atem, beharrlichem Bestehen auf parlamentarischen und außerparlamentarischen Handlungsfeldern, aber vor allem mit der Übersetzung des globalen Themas in konkrete politische Forderungen bis hin zur kleinsten Ebene von Dorfgemeinderäten oder Stadtteilgremien.

 

Die Bewältigung dieser Transferleistung von der unbestritten richtigen Aussage "die Digitalisierung der Welt, vor allem symbolisiert durch das Internet, ist von so epochaler Bedeutung wie die Erfindung des Buchdruck", hin zu konkreten politischen Forderungen und Kampfeszielen wird es sein, die die Frage nach dem Bleiben der Piratenpartei im politischen System der Bundesrepublik entscheiden wird. Nach dieser Definitions- und Übersetzungsleistung kommt noch die nicht ganz kleine Kleinigkeit der Umsetzung der gefundenen Ziele in politische Erfolge. Auch kein Selbstläufer, aber mit klugem und beharrlichem Interesse auch nicht unmöglich.

 

Fazit: Wie allen neuen politischen Kräften steht den Piraten der Polithimmel offen. Desinteresse und Abneigung gegenüber den bisherigen politischen Parteien ist für sie ein Plus beim Start. Ob der große Sprung vorwärts allerdings gelingt, hängt vom Pirat als solchem ab. Vielleicht auch davon, ob er gelegentlich auch mal eine Piratin findet.

 

 

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben